Für alle, die es wissen wollen: Richard von der Schulenburg ist bei den Sternen ausgestiegen und arbeitet fortan als Double für Rach den Restauranttester. Vermutlich, vielleicht. Naja, wieauchimmer: Die Sterne haben ohne ihn jetzt ein neues Album eingespielt. Zu dritt. Das Resultat bewegt sich zwischen Disco, Dub und Diskurs.

Foto: Maria-Friederike Schulze

Foto: Maria-Friederike Schulze

Im Club und auf der Couch – Disco und Diskurs

Zusammen mit Produzent Mathias Modica aka Munk haben die Sterne der Disco als Ort und als Musik zwei Hände voll Ehrerbietungen in ausschweifenden Echo-Stompern gewidmet.
„24 / 7“ – die geflügelte Formel einer ständigen Verfügbarkeit. Ein Zahlencode des Taumels im Dauerdienstleistungsdelirium. Die nummerische Leuchtreklame des Rund-um-die-Uhr-Prinzips.

Im Jahr ZwoZehn erfinden sich die Sterne als Trio neu und bleiben doch in gewohntem Wasser: das hier ist sternetypisch geistreicher Genreclash für Bohèmes, die keine Midlife-Crisis kennen. Rein rechnerisch schlittert die gesamte Hamburger Schule nämlich geradewegs in das Alter, in dem eine solche gern vorraus gesagt wird.
Einer der da auch mit dran und drin hängt, in dieser Schule, Bernd Begemann nämlich, hat die(se) Krise ohnehin bereits mit seinem letztjährigen Album für beendet erklärt.

Und weil Krise oft mit eigener Festgefahrenheit verwechselt wird, und sich sowieso alles dauernd wie wild wandelt, gilt es diesem dauernden Dazwischenhängen etwas entgegen-, oder – viel besser noch – das Solche zu besingen.
Die Sterne machen das, wie viele andere aus den Hamburger Schulklassen, seit nun gut 20 Jahren.

Pop-Aphorismen aus dem Themenladen

Die Sterne steckten über die Jahre hierbei ein großes musikalisches Gebiet ab: von der Kleinstadtromantik der ersten Single „Ein verregneter Sommer“ (1987) auf Fast Weltweit, über den scheppernden Keller-Funk ihres ersten Albums „Wichtig“ (1993) auf L’Age D’Or – zusammengezottelt aus den Tönen, Steinen und Scherben, die Post-Punk rund zehn Jahre vor Bandgründung der Sterne schon ins Rollen brachte – bis hin zu den art-hoppigen Beatbiestern und Groovepeitschen auf „Wo ist Hier“ (1999).

„Wir brauchen einen Beat um dieses Biest zu zerstören“
(Die Sterne – „Biestbeat“, 1999)

Weil das schöne Leben wie der Lieblingspullover, den man nicht wegwerfen mag, immer irgendwo ein wenig zwickt und ziept, legt man sich also ein paar Weltbewältigungstheoreme zurecht. Willkommen im „Convenience Shop“ (so der Name eines Stücks auf „24/7“). Hier gibt es Pop-Aphorismen aus dem Themenladen. Frank Spilker bedient.

Das Schlagzeug treibt, der Bass groovt, die Synthesizer orgeln ohne Unterlass, Gitarren gibt es kaum.
Disco, Dub, Diskurs. Die spilkersche Vokalprosa zwischen albernem Quatsch und Kapitalismuskritik entwickelt in langen Echoschleppen einen ganz eigenen Sound. Die Formulierung des Syndroms wird zum Mantra. Die Disco das Zuhause:

„Wohin, zur Hölle, mit den Depressionen? Ich geh in die Disco, ich will da wohnen“
(Die Sterne – „Depressionen aus der Hölle“, 2010)

Es geht hier also viel um’s Ausgehen – um die gute alte Zerstreuung.
Rumhängen, Labern, tanzen, nehmen, suchen. Was man da so eben macht.
Von Christiane Rösinger bis Rainald Goetz weiss jeder da was schlaues zu berichten. Ob es sich um das angenehme, ratlos-fröstelnde Rumstehen im Morgengrauen handelt, wie es in „Ex und Pop“ von Britta besungen wird, oder um die technoid getextete, rezeptionsphilosophische Rave-Forschung, wie sie Goetz in seiner Erzählung „Rave“ betreibt.

„Er schaute hoch, er nickte und fühlte sich gedacht vom Bum-bum-bum des Beats.
Und der große Bumbum sagte eins eins eins –
und eins und eins und –
eins eins eins –
und –
geil geil geil“

(Rainald Goetz – Rave.  Suhrkamp, 1998. S. 19)

Minimalismus, Sound und Struktur als Taktgeber der Tanzbarkeit. Sich freischwimmen in tiefen Formalismen. Die Variation als Trigger des Schwindels im eigenen Gleichstrom. Die Bassdrum – die Route; die Snare als der Kompass; die Hi-Hat die Lotsin zum Gipfelmoment.

„In jedem Baßbumm hörte Wirr jetzt wieder alle gehörten Bäße seines bis hier gelebten Lebens, Partypanik, Break. Der Baß war plötzlich weg.

Kein Baß.
Der Baß ist weg.

Das Aussetzen des großen Beats, ein Schieben, Harren, Luftanhalten.

Eine Art Geburtspassage etwa?“

(Rainald Goetz – Rave, ebda. S. 22)

Stotternd morpht sich in „Depressionen aus der Hölle“ die Zeile „Ich weiss nicht mehr was wirklich hilft, ich weiss nicht mehr was wirklich hilft“ in LFO-gefilterter Delay-Schleife über bumperndem Bassgerüst zu einem dubby Ortslosigkeitsbekenntnis, dessen Schlussfolgerung sich hedonistisch wie folgt artikuliert: „Tanz den Burnout // Tanz das Syndrom. // Immer was neues // Kennt man schon.“

Sterne 2010: Frotzelig, trotzelig und tanzbar.

Die goldenen Zeiten von L’Age D’Or

Kristof Schreuf - "Bourgeois with Guitar"

Kristof Schreuf – „Bourgeois with Guitar“

Die Sendung wagt, ausgehend vom aktuellen Discosound, einen Backflash in die Sterne-Biographie – als L’Age D’Or noch goldene Zeiten erlebte und die alte Kurort-Glucke Bad Salzuflen mit der Independent-Szene um das Label „Fast Weltweit“ goldene Diskurs-Küken wie Bernadette LaHengst, Bernd Begemann, Frank Spilker und Jochen Distelmeyer in das, um Alfred Hilsberg und ZickZack eiernde Subversivmusik-Nest warf. Pascal Fuhlbrügge, neben Carol von Rautenkranz Labelmitbegründer von LADO, wartet dieser Tage mit seinem neuen Album  „Enthusiasm“ auf.

Vom fieberfrotzeligen Post-Punk-Geschmetter von Cpt. Kirk &, Kolossale Jugend und den schüchtern rockenden Hallelujah Ding Dong Happy Happy über die groove-orientierte Weiterdenkung dessen durch Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs und Brüllen, hin zu der spleenigen Kauz-Romantik von Die Allwissende Billardkugel und We Smile und  wieder zurück ins Jetzt! (ha, auch eine Fast-Weltweit-Band, sic!) mit dem ersten Soloalbum von Kristof Schreuf.

Dann zurück geverved zu Neu-Elektronischem aus dem Hause Dial.

Sommerlicher Freiluft-Burnout

Phantom Ghost "Four Shadows"

Phantom Ghost „Four Shadows“

Dort – bei Dial – haben Phantom Ghost ihre neue EP „Four Shadows“ veröffentlicht.
Die beiden Eichhörnchen an den Klavieren,  Mynther und von Lowtzow (beide auch wieder, ebenfalls Urgesteine der Lado-Familie), schicken nun die elektronische Extension ihrer letztjährigen Klavier-Verlockungen auf dem Album „Thrown Out Of Drama School“ ins Rennen.

Das neue Stück „The Shadow“ in zwei Versionen auf der einen, und zwei Remixen auf der anderen Seite.

Unter den weichen Pranken von Pantha du Prince entrollt sich das Stück, um krautkosmisches Geklöppel kreiselnd, zu einem schuttig angedüsterten 12-Minuten-Übertrack – mit einem feinen Party-Panic-Break bei ZwoDreissig. Wird der Bringer beim sommerlichen Freiluft-Burnout. Das jazzt dich hoch auf Hundertachtzehn. Yoo Doo Right und Holtadipolta!
Carsten Jost schickt die Lowtzowschen Vocals in seiner Edition auf träumerischem Rhodes ins Off bis nur noch Schatten bleiben. Cowabunga!

Disco, Dub, Diskurs – Tanzen um die Wurst

Und Jacques, ja, Jacques Palminger und sein „Lied für Alle“: Wozu vor paar Wochen erst aufgerufen wurde, nämlich zur regen Eigenbeteiligung am „Lied für Alle“, hat nun erste Früchte  getragen und kann auf einer neuen 12″ angehört werden. Zusammen mit Rica Blunck, Viktor Marek und Lieven Brunckhorst aka The Kings of Dub Rock entstanden erste Versionen des schieren Mammut-Projekts.

Am 8. April ist der Erfinder und Ankleider der Sex Pistols verstorben. Er wird diese Zonic Radio Show musikalisch, tropikalisch einläuten.

Zonic Radio Show Nord
Disco, Dub, Diskurs – Tanzen um die Wurst
Do. 22. April 2010, 20 Uhr
radio 98eins (livestream)

Nachhören

Die Sendung ist nun auch hier in der Mediathek der Medienanstalt als Stream nachhörbar

Playliste

Kristof Schreuf – Search & Destroy
Bourgeois With Guitar
Buback

Frank O’Hara – Ode To Joy
V.A. -The Dial-A-Poem Poets
Giorno Poetry Systems

Malcolm Mclaren – Obatala
Duck Rock
Charisma

Malcolm Mclaren – Double Dutch
Duck Rock
Charisma

Ladysmith Black Mambazo – The Star And The Wiseman (Kings Of Tomorrow Mix)
The Star And The Wiseman (Remixes)
AM:PM

To Rococo Rot – Forwardness
Speculation
Domino

Suicide – Johnny
Suicide
Red Star Records

Angel Corpus Cristi – Eve Of Destruction
Divine Healer
Gulcher

Die Sterne – Das Bisschen Besser (Herberts Underarm Dub)
V.A. – Nicht Sushi EP
L’Age D’Or

Die Sterne – Themenläden (Transparenter T-Shirt Mix)
Themenläden Remixe 1
L’Age D’Or

The Tempations – I’m Here (Metro Mix – Instrumental)
I’m Here – Metro Mix
Motown

Die Sterne – Depressionen Aus Der Hölle
24 / 7
Materie

Popchor Berlin – Washat dich bloß so ruiniert
Popchor Berlin Feat. Schneider TM, Kissogram, Reverend Ch. D. & Novack
Flittchen

Jacques Palminger & The Kings Of Dub Rock – Lied für Alle
Jacques Palminger & The Kings Of Dub Rock – Lied für Alle
Staatsakt

Die Sterne – Convenience Shop
24 / 7
Materie

Die Sterne – Ein Glück
24 / 7
Materie

Die Sterne – Verregneter Sommer
Die Sterne – Ein Verregneter Sommer (Tief Über Irland) / Ich Will Dich – 7″
Fast Weltweit

Young Marble Giants – Colossal Youth
Colossal Youth
Rough Trade

Kolossale Jugend – Kein Schulterklopfen
Kolossale Jugend – Kein Schulterklopfen
L’Age D’Or

Cpt. Kirk &. – I Told You And You Know What I Said
Stand Rotes Madrid
What’s So Funny About..

We Smile – Sack voll Drogen
Für Die Anderen
L’Age D’Or

Die Sterne – Anfang verpasst
Fickt das System
L’Age D’Or

Die Allwissende Billardkugel – Notiz: Gefangen In Sonnenflecken
Polaroids Aus Amnesia
What’s So Funny About..

Thomas Wenzel & Frank Will – Wimpelgrab
OST – Der Strand von Trouville
L’Age D’Or

Rainald Goetz – Die Melancholie der Seligen
Word
Eye Q

Pascal Fuhlbrügge – H20
Enthusiasm
HAnd 11 / Buback

März – Chelsea Boys
Love Streams
Karaoke Kalk

Phantom Ghost – The Shadow „Im Schutt“ (III) By Pantha Du Prince
Four Shadows
Dial

Hip Young Things – 1½ (Console Remix)
Remixed Vol. 1
Plattenbau

Sand 11 – Drinks With Umbrellas
Sand 11
Ladomat 2000