Bevor es am 23.12. so eine Art Weihnachtssingles-Sondersendung der Zonic Radio Show Nord zu hören gibt, wenden sich die heutigen zwei Radiounterhaltungsstunden noch einmal der tonal gesendeten Akkumulation aktueller Jahresausklangs-Veröffentlichungen sowie auch einer Jahresreflektion zu, die diverse Sendevorkomnisse der vergangenen 12 Monate noch einmal Revue passieren lässt.

Thomas Meinecke im Koeppenhaus

Thomas Meinecke und Prof. Dr. Eckhard Schumacher am 13.01.2010 im Koeppenhaus. Photo: Fleischervorstadt-Blog

Thomas Meinecke und Prof. Dr. Eckhard Schumacher am 13.01.2010 im Koeppenhaus. Photo: Fleischervorstadt-Blog

Im Januar las Schriftsteller, Radio-Typ und Musiker Thomas Meinecke im Koeppenhaus aus seinem aktuellen Roman „Jungfrau“. Ausschnitte der damals gesendeten, musikalisch kontextualisierten und flankierten Lesung sollen hier nocheinmal kurze Einblicke in das wilde Referenzengeschwurbel zwischen Pop, Theologie und halbwissenschaftlichem Nerdism geben.

In Anlehnung an die ganze Sache mit dem literarischen Sampling, der sich Meinecke anhänglich zeigt, erfährt selbiges – hier in musikalischer Form – auch grenzgängerisch collagierenden Einzug in die Sendung. Diverse Edits und Trackzerrüttungen, die sich in den letzten Sendungen angesammelt haben, werden noch einmal zu Gehör gebracht. Keine Atempause (Ge)-Schichtung wird gemacht…

Cieślak i Księżniczki - Tourposter

Cieślak i Księżniczki – Tourposter

Eine Nachreiche zum jüngst vergangenen Polenmarkt gibt es in Form einer Exklusivausstrahlung der bisher unveröffentlichten Filmmusik zum Oscar-nominierten Dokumentarspiel „Mauerhasen“ („Królik po berlińsku“) von Bartosz Konopka. Maciej Cieślak komponierte hierzu die Filmmusik, deren hölzern-analoge, hier mal flötistische, dann wieder betulich xylophoneske Klangfarben das richtige Audio-Trägermaterial zu den mauerstreifenmatten Farben des Films bieten. Im Januar ist er mit Band als Cieślak i Księżniczki zweimal live in Berlin, zusammen mit den dreistimmig singenden Nathalie And The Loners zu erleben.

Ebenfalls Sounds für einen Film getrackt hat Hanno Leichtmann. Unter gefühlten hundertvierundsechsigtausend Pseudonymen und Kooperationskonstellationen (Static, Forest Jackson, DJ Attaché, Vulva String Quartett, Center Of Excellence, Dawn, Denseland, Paloma etc. pp.) musizert er elektronisch, frickelnd, experimentell und war auch mal Mitglied bei Ich Schwitze Nie, der Band des deutschen Quasi-Steve-Buscemis, Lars Rudolph – der ja nun wiederum auch schon mit Mayo Thompson / The Red Krayola herumklüngelte.

Für Christof Schlingensiefs, erst Bewegtbildinstallation, dann auch Film gewordenes Projekt „The African Twin Towers“ (mit Klaus Beyer, Patti Smith und anderen als Darstellende) steuerte Leichtmann psychedelisch verwirbelte bishin zu Synapsen wund scheuernde, orientalisch anmutende Klangstücke zusammen. Zusammen mit John Nijenhuis, der als Sir Henry regelmäßig Inszenierungen an der Berliner Volksbühne musikalisch und klangmalerisch unterstützt, hat er hier verwehtes Sonnensegelgeflatter in Töne übersetzt und Stücke aus mantra-artigem Tabla-Geklöppel und lärmenden Noise-Fetzen zusammeneditiert.

Zwar schon im Frühjahr veröffentlicht, aber weil jüngst in hochhöchster Begeisterung als Vorprogramm zu Christiane Rösingers Record Release Konzert im Berliner Hebbel Theater live erlebt, finden die acht neben-urbanen Rauskratzsongs von Hans Unstern endlich auch in der Zonic Radio Show Nord Gehör.

Hans Unstern kratzt sich raus

Hans Unstern, fotografiert von Tanja Pippi

Hans Unstern, fotografiert von Tanja Pippi

Hans Unstern – ein Name wie ein Kinderbuchautor. Oder wie der eines weiteren jungen Mannes mit Gitarre, bedröhnt vor lauter Befindlichkeit und eingesalbt in eigener Literaturseminar-Sabber. Dem ist glücklicherweise nicht so. Junger Mann mit Gitarre ja, wichtigtuerische Auftürmung verschwurbelter Schwafeleien nein.

Vielmehr kramt Unstern die Form des Lyrischen wieder raus und flicht sie in hochdichter Form in seine kaputtgejazzten Songschreibersongs hinein.

Und zuallererst und obendrein: Hans Unstern bringt das Saxofon zurück! Nachdem es Schnarchnasen-Jazz und die Piefbacken aus den Charthitproduktionsfabriken in gefährlich dumpfe Gefilde zwischen Mitropatresenromantik  und schmärbäuchigem Feierabendlounging entführt hatten, holt Unstern dieses krumme Blasinstrument mit dem Klang eines asthmatischen Elefanten, dahin zurück, wo es hingehört: als Groovemaschine inmitten seiner fragilen Freistil-Übungen zwischen Chanson, No Wave und Songwriterei.

Mit Leuten aus der Jazzszene hat sich Hans Unstern eine Band geschaffen, die seine verhuschte Eruptiv-Lyrik mit einem eigenwillig mürben, musikalischen Ameisenbau backupen. Alles flirrt, knarrt und quietscht in den lauteren Momenten. Der kaputte Drive der Goldenen Zitronen samt des dort stilprägenden, koboldigen Gequakes Schorsch Kameruns scheinen hier ebenso auf, wie das burleske Konzept-Gerumpel eines Tom Waits – dessen hier mitgemeinte Alice-im-Wunderland-Adaption sogleich den Vergleichs-Hook zur erwachsenen Kindlichkeit eines Lewis Carrol schlägt, die Hans Unsterns Songs umsetzen als matt zerfärbte Comic-Orchestermusik, dirigiert von den Zappelworten eines schratigen Rumtreibers.  Das Unstern-Ich hat nichts Konkretes. Spontane Geistesblitze werden hier in genau jener   Unstetheit vorgetragen, mit der sie, kaum fassbar, als flüchtige Denkandeutungen durch die wunden Windungen eines suchenden Hirns jagen.

Schon wieder diese Deutschtextlieder?

Was sind das also nun schon wieder für Deutschtextlieder? Keine richtigen Chansons, kein verschwurbeltes Studentenbandgesäusel, auch kein selbstgefälliges Habjaschonfertigstudiert-Künstlergeonkel und schon gar kein kuhaugenfröhliches Sommerfestival-Geflöte.
Hans Unstern weht als wackliges Ding zwischen Dichtung und Dada, zwischen Residents und Ringelnatz umher.

Nicht zuletzt ist es der versteckgroße Waldschrat-Bart auf dieser gut angezogenen, hageren Veganerstatur, der dem Projekt „Hans Unstern“, einen  entpersonalisierten Approach gibt.

Unstern steht im Dunkel der Bühne, singt unverstärkt: „Tief unter Wolken / Tief unter Strom / Ich hoere meinen Namen / wie er von den Waenden faellt / Es ist die sternlose Zeit / die meine Hand jetzt haelt“. Irgendwann steigt die Band ein, formt ein Knistern und Schleifen, Unstern drückt die Ahnung seines Gesichtes hinter dem Bart auf einen Scanner und jagt es live auf die bühnenfüllende Leinwand. Die Strukturen der Songs bestehen aus Steigerungen oder dem kompletten Gegenteil. Rumtreiben oder Angekommensein.  Entsprechend der Natur des Suchenden  dominiert selbstverständlich Ersteres.

Das Album beginnt – nach einem  irrlichternden, sich nach und nach zu so etwas wie Musik sortierenden Geknatter – mit den poetifizierten Schilderungen der unsternschen Tage, Wochen, Jahre on the road:

„Mein Leben hangelt sich an Autobahnen entlang /
Automobile hasse ich mehr als alles /
Werd mir einen Zebrastreifen malen“

Der Albumopener „Anglet“ schraubt sich im weiteren  Verlauf, in hölzerner Berg-und-Tal-Fahrt zu einem haltlosen Geflacker empor, auf dessen Kulmination ein warmes, dunkles Wortbild-Stakkato folgt:

„Im Herbst halte ich Winterschlaf /
umgeiert von Raben über mir wie fettes Laub /
Ich habe einen Deal mit den Ratten des naheliegenden Abortes /
Sie bringen mir siebzig Kilo Kastanienlaub /
und ich verrate ihnen in welcher Karosse Kokain lagert /
Urlaub unter Laub“

Desweiteren singt Hans hier von sich auf der Überholspur jagenden Penissen, von Begegnungen im Supermarkt („…vor dem Salat“)  und von der Nase des blassen Mondes. Seinen Dinosaurierschlafanzug möchte man sich da anziehen und in den verhutzelten Schlaf eines Igels fallen, so gemütlich macht sich die Halbdüsternis hier aus.

Hans Unstern singt von den Menschen und den Dingen so, als seien sie aus Papier geformte Trickfiguren. Er bezeichnet sich selbst gar als Trickser und sein Werk zuweilen als „großen Schwindel“ – hat da jemand die tocotronische Weisse-Album-Phase inhaliert?

Eine seltsam anheimelnde, zeichengetrickte – sich also semantischer Tricksereien und Verdichtungen bedienende – Unwirklichkeit zwischen Scherenschnitt-Schattenspiel und einer Nebenwelt aus ungelenker Hallo-Spencer-Friedseligkeit wird hier in einem Stream Of Consciousness aneinandergekettet, wie flimmernde, ferne Promenadenlichter.

Kratzborstige Rumtreiberlieder mit einer Verhuschtheit, wie man sie in dieser glühwurmhaft leuchtenden Verspultheit auch aus der Ecke Coco Rosie kennt. Spieluhrmusik für das zerlaufende Marzipanpärchen auf der blendend weissen Sahnetorte. Manchmal bricht sich, bei aller Poetizität dann auch ein affirmativer Gestus durch die teils bis zum semantischen Vakuum verdichteten „Gedankensprungfluten“, wie er sie singenderweise in „Ein Coversong“ selbst benennt).

Hans Unstern, fotografiert von Tanja Pippi

Hans Unstern, fotografiert von Tanja Pippi

Die Empfehlungsphrase „Kratz dich raus“ schnarrt sich, wie ein wirr-wichtiger Technoclaim in  Wiederholung durch „Ein Coversong“, bis ihn auch der letzte mit Zweit- und Drittmöglichkeiten von Sinn aufgeladen hat.

Hans Unstern hängt mit seinen acht Rauskratzliedern wie eine spinnerte Biene zwischen den ausgelutschten Waben der Weltabbildungsprosasongs der 2000er und dem Diskurspop und -rock der 90er Jahre.

„Ein Kokon, ein Korsett, ein Übergang.“, heisst es in „Ein Coversong“ weiter – elliptische Wort-Hooklines aus der Zwischenwelt. Selbstredend keine Zwischenwelt, wo Drachen fliegen, Katzen sprechen und Kinderlachen aus dem Off schallen, dafür ist Hans zu unsternsch, zu nah am Irdischen. Seine anti-urban gefiederten Lieder  wurzeln in einem lokaler orientierten Eskapismus. „Kratze den Mann aus dir raus / Verrate die Länder deiner Väter“ flüstert es plötzlich aus der bildwerfenden Textflut.

Die Verletzlichkeit, der sich Hans Unstern mit seiner, mal lieblich quasi-niedlichen, dann wieder aggressiv undeutlichen Poesie preisgibt, ist hier dann schon Anti-Eierschaukel-Argument genug. Geht doch kreative Selbstoffenbarung oft mit öffentlichem Schwanzgewedel einher, geht hier beim Hans alles irgendwie spleenig seine eigenen Wege und das scheue Versteck, aus dem Hans Unstern seine Lieder singt, muss wohl vielmehr sein eigener, sonderbar nach eigenen Prinzipien funktionierender Ameisenpalast sein.

Erschienen ist „Kratz dich raus“ auf dem, von den Jungs von Ja, Panik betriebenen, keck antonymisch betitelten Staatsakt-Sublabel Nein, Gelassenheit.
Ein Labelname wie ein Schießbudenwitz. Kehlig proletesk gegröhlte Dampfhammerheiterkeitsschenkelklopfer enthält Hans Unsterns Album hingegen wahrlich nicht. Im Gegenteil, es scheint fast so als sei es nur das spröde Chitin aus Worten, das den dünnen Mann hinter dem Holzhackerbart zusammenhält.

Musikalisch sowohl textlich ebenso spannend wie das in diesem Jahr erschienene Soloalbum von Kristof Schreuf.

Ein ganzer Beutel voll Wahnsinns fetter Beute, ist man versucht zu denken, wenn man bis hierhin gelesen hat. Wie das alles in zwei Stündlein Radioprogramm passen soll, davon kann man sich heute abend ab 20 Uhr auf radio 98eins überzeugen.

Nachhören

Die Sendung ist nun auch, für mindestens zwei Wochen, in der Mediathek der Medienanstalt M-V nachhörbar.

Playliste

The Beatles – Christmas Message 1968
Christmas Album
Apple Records

Piemont – Animals To Drink
Smoking Cave 12″
MBF

Peggy Lee – Winter Wonderland
V. A. – Ultra-Lounge – Christmas Cocktails
Capitol

Thomas Meinecke liest aus Jungfrau (Mitschnitt vom 13.01.2010 im Koeppenhaus)

Astro Age Steel Orchestra- Love In Gas Music
Happy Living
Sony Japan

Freiwillige Selbstkontrolle – Was Kostet Die Welt
Stürmer
ZickZack

Hans Unstern – Anglet
Kratz Dich Raus
Nein, Gelassenheit / Staatsakt

Hans Unstern – Als Habe Ich
Hans Unstern / Ja, Panik Split 7″
Nein, Gelassenheit / Staatsakt

Kristina Hanses – The Instruction Song
Debut
PinkOrange Records

VVV (Vaino Väisänen Vega) – Sellin’ My Monkeys
Resurrection River
Mego

Maciej Cieślak & Natalia Fiedorczuk – Rabbit A La Berlin
[unveröffentlicht]

Cieślak i Księżniczki – April / March
Cieślak i Księżniczki
My Shit In Your Coffee

Salako – Do It Yourself
Musicality
Jeepster

Salako – Sun & Moon Conspire
Re-inventing Punctuation
Jeepster

Indian Ocean – Treehouse / School Bell
School Bell / Treehouse
Sleeping Bag

Larry Heard Presents Mr. White – The Sun Can’t Compare (Long Version)
The Sun Can’t Compare / You Rock Me
Alleviated

Mikrokolektyw – Rocket Street
Revisit
Delmark

Hans Unstern – Paris
Kratz Dich Raus
Nein, Gelassenheit / Staatsakt

Eluvium – Remnant Signals
The Motion Makes Me Last EP
Temporary Residence Ltd.

Hans Unstern – Tief Unter Der Elbe
Kratz Dich Raus
Nein, Gelassenheit / Staatsakt

The Hafler Trio – Shaktipat [exc.]
The Revised Handbook Of Essential Practice By The Hafler Trio: Exactly As I Do
Important Records

Erik Friedlander – Airstream Envy
Block Ice & Propane
Skipstone Records

The Swingle Singers – Fugue In C Minor
Jazz Sebastian Bach
Philips

Vaino Väisänen Vega – Outrage For The Frontpage
Endless
Blast First / Mute

Hans Unstern – Viktor Marek’s „be my Parachute“ Rehmix
Operation Pudel 2010
Pudel Produkte / Staatsakt

Shaka – Nella
Spring Day
Stattmusik

Thomas Meinecke liest aus Jungfrau (Mitschnitt vom 13.01.2010 im Koeppenhaus)

Phantom Ghost – Perfect Lovers (Unperfect Love Mix)
Pefect Lovers pt.1
Ladomat 2000

Hanno Leichtmann – The Sun Ship
The African Twintower Suite
Dekorder

Hanno Leichtmann – Faster! Moondog! Kill! Kill!!
The African Twintower Suite
Dekorder

Curtis Mayfield & The Impressions – Talkin’ About My Baby
ABC Collection
ABC

Fatboy Slim – Talkin About My Baby
Halfway Between The Gutter And The Stars
Skint

Riley Reinhold – Get A Splash ( Tremsch & Metzler Remix)
Distortions 12″
My Best Friend