Liebe Leute aus der interessierten Mittellosenschicht, heute Abend strahlt eine neue Ausgabe der Zonic Radio Show Nord mit Martin Hiller durch die angeschlossenen Umwandler und Empfänger.

„Diesen Satz im Kopf von Kafka…“ (Flowerpornoes)

Kafkaesk, dieses latent überstrapazierte Prädikat aus dem Literatur- und allen anderen Kulturbesprechungsgeschäften wird nun gerne mal herausgeholt, wenn irgendetwas Bedrückungsmomente oder Entfremdungspotentiale mit sich bringt und eben also: triggert. Wolfgang Voigt, dieser stilbewusste Tontriggerschrauber mit dem Namen eines Sportlehrers, hat sich jetzt sampelnderweise an einem Kafka-Hörbuch bedient und seinen ganz eigenen Konzeptkafkakram konstruiert. Seine „Kafkatrax“ sind Stücke, die auf drei fast schon boshaft streng limitierten 12″ und, darauf folgend, auf einer CD erscheinen. Jüngst erschien die zweite 2-Track-Vinyl der Reihe. Schiebend-shuffelndes Vokalgenuschel, dessen trockener, dampfhammer-doomiger Sound jenseits zeitgenössisch-vertechnisierter Zappelspielereien angenehm oldschool und – im Kontext des allgegenwärtigen, nahezu bis zur Dumpfbackenhaftigkeit auf munter und fluffig gedrehten Swing-Gehoppels – regelrecht – na? – kafkaesk wirkt.

Todesmelodien im Zuckermantel

Andreas Dorau buttert kunterbunte Todesmelodien aufs Pumpernickel

Andreas Dorau buttert kunterbunte Todesmelodien aufs Pumpernickel

Andreas Dorau, dieser Joachim Król aller Pop-Ressorts, holt statt Kafka gleich den Tod ins Boot und trällert sich auf seinem jetzt erschienenen Album „Todesmelodien“ durch 12 kunterbunte, na, nennen wir sie: Song Noirs.

Pop, dieses olle grelle, auf endlosen Podiums- und Tresenfachsimpelleien krankgekauderwelschte Rupfhuhn, macht damit plötzlich wieder Spaß! Weniger als purzelbaumiger Sesamstraßenspaß, sondern mehr als elegant heitere Beschäftigung mit einem mächtigen Thema gedacht. Es geht um Tod und Vergehen, um menschliche Makel wie Neid und Inkonsequenz, nicht fachsimpelnd, sondern durchaus konkret und unzynisch. „Edelstein“ liegt die wahre Geschichte einer Frau zugrunde, die die Asche ihres verstorbenen Gatten zu Edelstein gepresst wissen wollte – die vulkantiefe Liebe bis über den Tod: klar, dass daraus ein Hymne gefertigt werden musste. Dorau betont neben aller Schönheit, die dem inne wohnt aber auch, würden wir alle am Ende zu Diamanten verdichtet: „selbst korrupte, dumme Schweine, alle werden Edelsteine“. Alles Schöne, Tolle, Wahre strahlt im Paralleldunst zu Schmutz und Trübheit eben gleich immer noch viel heller. Aus ebendieser Nichtausblendung von Nichtpopulärem, aus einer Verschachtelung von Pop-Oberflächlichkeit und gewiefter Weltbesprechung bauten Doraus Stücke immer schon ihren verwegegen Reiz des Niedlichen im Grindigen. Über Unfälle und Unannehmlichkeiten singt Dorau wie andere über Nippel, die durch die Lasche zu ziehen sind. Sein Rumgetobe in arty Kreisen von Albert Oehlen bis Mayo Thompson wurde zuletzt hier im blog auch schonmal breit besprochen.

Nicht ohne Yoko Ono

„Single“ nimmt sich diesen irgendwann mal von der „Generation Golf“ oder sonsteiner Lebensprinzipientenschaft als hip und gehassliebt ausgerufenen Daseinsstatus zur Hand und macht daraus einen beschwingten 60er-Jahre-Hauer. „Ausruhen“ kommt mit klaustrophoben Andeutungen von Melodien aus und entwickelt, während Dorau wie als Geist in einer miefigen Riesenkuckucksuhr zum Thema Entspannen und Zerstreuen referiert, eine dem Wahnsinn entgegen irrlichternde Eigenheimzufriedenheit.

Das Plattencover zieren eine Schallplatte von Yoko Ono und Salingers „Der Fänger im Roggen“. Doraus Jugendprägung? Allzu fern liegt das nicht.

Andreas Dorau "Todesmelodien" (Cover)

Andreas Dorau „Todesmelodien“ (Cover)

Es gibt oppulente, an Van Dyke Parks und Phil Spector gemahnende Wellenbrecher-Arrangements, sehnsuchtsvolle Robotergesänge, Mitwipppolka mit breithüftigen Tubaeinsätzen, Discomonster mit Justus-Köhncke-Appeal („Inkonsequent“), miauende Slidegitarren und retrofizierte Klavierphrasierungen allerorten – wie sie auch schon John Lennon und Yoko Ono auf „Double Fantasy“ auftürmten.

Zusammengeschraubt und zu Glanz poliert hat Dorau die Stücke mit Mense Reents und Jakobus Siebels, beide früher im L’Age D’Or/Ladomat-Umfeld mit kühnem Electrofunk und heute als Die Vögel auf Kozes Selbst- und Spaßverwirklichungslabel Pampa herumwirbelnd und -zwitschernd. Ihre norddeutsche Definition von Daft Punk macht auch hier, todesmelodisch, richtig Sinn. Erobique, Bruder im Soul, hat seinen Alleinunterhaltergonzoism auch in einige Stücke einfließen lassen. Doraus NDW-Weggefährtin Inga Humpe zeichnet für die choralen Harmonien verantwortlich und Francoise Cactus von Stereo Total singt auch mit. Achja, und Andreas Dorau macht hier auch mit. Alles zusammen produziert hat dann Andi Thoma von Mouse On Mars. In seinem ganzen funkelnden Dutzend haben diese zwölf Stücke etwas von grell-quietschigen Reflektionen aus dem menschlichen Matschland.

People sind eben immer noch strange.

Und wieder gießt Dorau hartnäckige Ohrwürmer und neckische Claims in aller Leute Köpfe. Unausweichlich wie der Tod. Saure Gurken im Zuckermantel. Tod, Chor, Space-Age-Pop. Andreas Dorau zimmert diamantene Wortpaläste für all die vergänglichen Dinge. Gut aufgehoben sind sie da. Zwölf Edelsteine. Ein Album als Urne. Palimm, palimm. Dreht den Swag wieder zu und lauscht Dorau, ihr bösen Kinder!

„Electronic ragas for opiated alien beatniks“

Chris Madak alias Bee Mask veröffentlicht eine Auswahl seiner bisher bereits zahlreich in den Soundweltenschlund gekippten „electronic ragas for opiated alien beatniks“, wie es boomkat so trefflich umschreibt, nun als bunt gefiedertes Doppel-Vinyl.

Bee Mask - Elegy For Beach Friday (Spectrum Spools / Editions Mego, 2011), Foto: Peter Rehberg

Bee Mask – Elegy For Beach Friday (Spectrum Spools / Editions Mego, 2011), Foto: Peter Rehberg

„Elegy For A Beach Friday“ erscheint bei Spectrum Spools, einem Vinyl-only-Sublabel von Editions Mego, seinerseits eine Wiederbelebung der 2005 umstrukturierten Experimentalelektronik-Plattform Mego.

Bee Mask offeriert mit „Elegy …“ eine zwei LPs umfassende Zusammenstellung von bisher in Klein- und Kleinstauflagen veröffentlichten Stücken, neu editiert und zu einer großen, einheitlichen Klangbrandung gegossen. Der nautisch gewählte Titel kommt dabei nicht von ungefähr oder aus einer rammdösigen Random-Benennungslaune heraus. Ein unterwasserhafter Glow zieht sich hier durch das ganze Album, das in seiner Geschlossenheit einen endlosen cosmic Drone aufmacht. Hier und da bäumt sich störrisches Eigenleben auf, fiepsen Noisefetzen und organisches Gluckergezucke im warmen Wummern der sonoren Grundwelle des Sounds. Aus blechern-kristallinen Phaserschleifen lugen wässrig tröpfelnde Synthetikbleeps, uferlos türmt sich endlos wachsende Geräuschgischt aufeinander, bis hin zu den herausfordernd schürfenden Frequenzen eines Weissen Rauschen – um dann, wie im Falle des genregemäß in antik verwurzelter Zaubersprache benannten „Askion Kataskion Lix Tetrax Damnameneus Aision“, wieder zu geruhsam atmenden Pad-Sweeps zu implodieren, aus denen sich hallumharnischtes Klingeln weit entfernter Turmglocken destilliert.

Kühle Neo-Robotic-Traumwandlungen, angedrahtet an Drones und Kraut der 60er und 70er. Organisch, in ihren eigenen Frequenzüberlagerungen mäandernde Improv-Ritual-Drones à la Taj Mahal Travellers, durchwirkt mit ambitioniert-ambienter Synthesizersoundkunst der 80er vom Schlage David Behrman, unterfüttert mit dem Wissen um blissfully Schieflagennoise der Sorte My Bloody Valentine und einer manchmal ins Kubricksche äugenden Verstörungszärtlichkeit. Wummernder Synapsenschliff. Elegisch, elysisch, empfehlenswert.

E-Musik in Sequencern

Und Ricardo Villalobos, dieser Dreitagebart gewordene Traum idolsüchtiger Technokinder, macht auf „Re: ECM“, einer Kollaboration mit Max Loderbauer großspurige Weltverkopplungen, an denen sich die Electroyuppies und Jazzopas im Feuilleton derzeit die Mäuler schaumig zerreißen.

Ricardo Villalobos und Max Loderbauer (Foto: Stefan Stern / ECM Records)

Ricardo Villalobos und Max Loderbauer (Foto: Stefan Stern / ECM Records)

Die beiden Hasen aus Electroland (Loderbauer ist bereits seit Ende der 80er umtriebig) zerwirbeln hier den Backkatalog des legendären ECM-Labels – 1969 von Manfred Eicher gegründet und gemeinhin eher in Jazz- und Neue-Musik-Land verwurzelt – und stricken aus Fragmenten von Arvo Pärt, Christian Wallumrød, Alexander Knaifel und anderen ihre eigenen (Re)konstruktionen und haben auf zwei CDs eine Art Vermittlerwerk zwischen Sequencer und zeitgenössischer E-Musik geschaffen. Der allzu verkopft anmutende, Name-Dropping-gefütterte Ansatz entpuppt sich aber als runde Sache mit Raumgriff und Soundtiefe.

Abgerundet wird dieser bunte Sack musikalischer Primeln von neuen Veröffentlichungen von Chris Madak alias Bee Mask (Drones, Drones und nochmal Drones), Anne-James Chaton mit Andy Moor (Poeme mit unterkühlter Musikgrundierung in Nachfolge von Laurie Anderson und Co.) sowie den Luv Clowns.

Do. 23.06.2011, 20 Uhr
Zonic Radio Show Nord
radio 98eins (terrestrisch & via livestream)

Nachhören / Stream

Die Sendung kann für unbestimmte Zeit hier in der Mediathek der Medienanstalt M-V als Stream nachgehört werden.

Playliste

John Cage – Sonata XVI
John Cage / Boris Berman – Sonatas And Interludes For Prepared Piano
Naxos

LB – Silence Is Golden (Moral Morph)
Pop Artificielle
Form & Function

Václav Kučera And His Ensemble – Cucurucucu
Songs From Far Away
Supraphon

Ricardo Villalobos & Max Loderbauer – Recurrence
Re: ECM
ECM

Ricardo Villalobos & Max Loderbauer – Rebird
Re: ECM
ECM

Fuck – My Melting Snowman
Conduct
Matador

Fuck – Scribble Dibble
Pardon My French
Matador

Luv Clowns – Good People Sometimes
Love Clowns!
Goner Records

Fuck – Table
Those Are Not My Bongos
Homesleep

Fuck – Tether
Pardon My French
Matador

Andreas Dorau – Stimmen In Der Nacht
Todesmelodien
Staatsakt

Andreas Dorau – Es Tut So Weh
Todesmelodien
Staatsakt

Andreas Dorau – Sabelle Fliegt
V. A. – Das Dieter Roth Orchester Spielt Kleine Wolken, Typische Scheiße Und Nie Gehörte Musik
Intermedium Records

Luv Clowns – Crunching Munchers
Love Clowns!
Goner Records

Timothy Prudhomme – Sweetheart O‘ Mine
With The Hole Dug
Smells Like Records

Bee Mask – Elegy For Beach Friday
Elegy For Beach Friday
Spectrum Spools / Editions Mego

Bee Mask – The Book of Stars Vibrating
Elegy For Beach Friday
Spectrum Spools / Editions Mego

Bee Mask – How to Live in a Smashed State
Elegy For Beach Friday
Spectrum Spools / Editions Mego

Anne-James Chaton & Andy Moor – Princess In A Mercedes Class S 280
Transfer /2: Princess in a Car 7″
Unsounds

Anne-James Chaton & Andy Moor – Princess In A Rover P63500S V8
Transfer /2: Princess in a Car 7″
Unsounds

Imaginary Softwoods – Untitled
Imaginary Softwoods
Wagon

Kante – Die Tiere Sind Unruhig
Die Tiere Sind Unruhig
Labels

Polmo Polpo – Rottura
The Science Of Breath
Alien8 / Substractif

Loren Connors – Outside My Window
V. A. – Innature
Barge Recordings

Polmo Polpo – Farewell To The Flyer
V. A. – Innature
Barge Recordings

Wolfgang Voigt – Kafkatrax 1.2
Kafkatrax 1
Profan

Ricardo Villalobos & Max Loderbauer – Reannounce
Re: ECM
ECM