Vom 01. bis 06. Oktober 2012 findet in Greifswald das „Schaufensterschau“-Projekt statt. Künstlerinnen und Künstler erstellen im festgelegten Rahmen einer Arbeitswoche Werke für eine Ausstellung her. Huey Walker unterwirft sich als Musikmachender ebenfalls dem Diktat dieses Projekts und will – sich selbst zum Schaffen drängend – innerhalb einer Woche eine CD einspielen. Über den Entstehungsprozess berichtet er hier – schreibend, in Photos, Musik und Videos:

1. Eintrag
Mo. 01. Oktober, 13:58

Eben in der Polly Faber gewesen.
Lange nicht mehr da gewesen.
Schick ist es. Viele wuselige Baustellen in den Gebäuden des Grundtücks.
Im entkernten Erdgeschoss des rechtsseitig gelegenen herrscht kreativer Rohbauappeal. Heftige Neubauten– und industrialmusikalische Erstideen. Klar, dass hier die eine oder andere Session beschwingt gelärmt werden muss. Notiz: Dronekollegen Stephan anrufen: “Komm mit Ohrstöpseln und bring Bass mit! Bier u.U. auch.“

Oben, vom Linoleumflur gehen links und rechts die Ateliers ab. Pressspanntüren geben dem dahinter etwas Amtszimmerartiges.

Hinter den breiten Fensterfassaden patscht Nachmittagssonne ins Gerümpelfeld.

industrial-flair-in-der-polly-faber

Da fällt mir ein:

Wind weht altes Zeitungspapier über einen leeren grauen Parkplatz,
wilde Gebüsche und Gras wachsen in den liegengelassenen Trümmergrundstücken,
mitten in der Innenstadt,

ein Bauzaun ist blau gestrichen,
an den Bauzaun ist ein Schild genagelt,
Plakate ankleben Verboten

die Plakate, Bauzäune und Verbote machen weiter,
die Fahrstühle machen weiter,
die Häuserwände machen weiter,
die Innenstadt macht weiter,
die Vorstädte machen weiter

(Rolf Dieter Brinkmann – Alles macht weiter)

Danach kurz in der Innenstadt: Erledigungen. Klebestift, allerlei Sorten Tee, Papierkram, Kerzen.

Beim Rossmann ausnahmsweise mal nur gefühlte 23 Minuten in der Kassenschlange gestanden. Meine bisher leider nie in die Spaßtat umgesetzte Superspaßidee leider wieder nicht realisiert. Sie geht so: bei einer absonderlich großen Warteschlange an der Einkaufsladenkasse nach vorn, zur Kasse gehen und in unbeherrschtem Tonfall krähen: “Können sie diese Kasse bitte auch noch zumachen, bittäää!!“.

Zum Wetter: bei ebendiesem, warmem und frühherbstlichem Wetter, auch aufgrund des nahenden Feiertages, fallen sie wieder alle in die Stadt ein: die Eigenheimbesitzer aus den umliegenden Ortschaften. Sie kommen um ihr Wochenende zu verlängern, ihr Geld in die Läden der Fußgängerzone zu tragen, den mausezähnigen Straßensängern das was übrig bleibt in die Hutschachtel zu schnippen, ihre in Steppjacken gesteckten Sprößlinge vom Spielzeugladenschaufenster wegzuzerren, um Schleckeise zu essen und sich – berauscht von all der Freizeit – mit Milchspuckefäden im Mund von ihren matt gewordenen Lebensträumen zu erzählen.

Opas stecken ihre Gehstöcke in die Speichen der illegalen Fußgängerzonenradfahrer, ein trauriger Flanierstraßenindianer pustet ambiente Touristenthermenklänge in seine Panflöte und die Sonnenanbeter recken bedeutungsvoll ihre gesunden Gesichter in den Himmel.

Jagd auf Erster Oktober.

So, jetzt Kram packen und rüber – in die Polly – wuchten.
Wichtig hierbei: möglichst viele wichtige Kabel, Adapter und Geräte vergessen…