Vom 01. bis 06. Oktober 2012 findet in Greifswald das „Schaufensterschau“-Projekt statt. Künstlerinnen und Künstler erstellen im festgelegten Rahmen einer Arbeitswoche Werke für eine Ausstellung her. Huey Walker unterwirft sich als Musikmachender ebenfalls dem Diktat dieses Projekts und will – sich selbst zum Schaffen drängend – innerhalb einer Woche eine CD einspielen. Über den Entstehungsprozess berichtet er hier – schreibend, in Photos, Musik und Videos:

7. Eintrag
Do. 04. Oktober, 12:54

Dem Schreiben über „Bier“ haftet gemeinhin immer irgendetwas „Sechszehnjähriges“ an. Egal. „Schaufensterschau“-CD-Recording, Tag 4. Über alkoholfreie Bierbäuche, Weltbewältigungsweichzeichner und verkniffene Püpse.

„Goodbye Sober Day,
hello Milky Way.“

Mr. Bungle – Goodbye Sober Day

Die richtigen Getränke für die richtigen Gelegenheiten… Beim ganzen kreativen Rumgewurschtel gießt man hin und wieder auch mal Flüssigkeiten verschiedener Sorten in sich rein. Bockstarke grüne Tees und Johanniskrautaufgüsse für die innere Ausgeglichenheit. Brutalsüße Energydrinks gegen die Verschrumpelungszustände des Übermüdetseins und dann wieder natürlich, manchmal, eigentlich (aber des Alters wegen immer weniger und als Exzess weniger wesentlich durchgeführt): Bier und Wein.

Bier für Rock, Wein für die Kunst, so wird das ja üblicherweise zusammengedacht. Rotspröde Künstlerlippen und abgestanden-mumpfiger Musikeratem breitbeiniger Rockbären. Kalter Rauch, Schweiß der eigenen Schaffensrage und im Schlüppi klopfen verkniffene Püpse ans Feinripp. Keine Zeit für Klogänge. Keine Atempause, Krimskrams wird gemacht.

Bier stellt gemeinhin irgendwann diesen angenehmen, weichen Glimmer her. Der die Selbstkritik abschwächt und die Zerrissenheiten lindert. Auch die kakophonischsten Irrläufer klingen dann wie lieblich leiernde Grammophone in der flimmernden Herzkammer eines großen, traurigen Walfisches. Nicht nur im musikalischen Sinne, auch der viele Textschrott, den man mit den Jahren irgendwo abgesondert hat, oft bis zur Selbstanödung.

Hin und wieder verschlägt es mich, auf der Suche nach Restrukturierung, Neufindung und Weiterbearbeitung alter Ideen und Ansätze, in den Wust aus alten Notizbüchern und in abgründige Festplatten-Ordnertiefen. Ein heilloses Durcheinander zerfledderter Sketchbookseiten mit zerfledderten Gedanken; ein schwer sortierbarer Wust aus verstreuten .TXT-Dokumenten und Ansätzen von Ordnungswahn und Edition in stümperhaft gelayouteten Open-Office-Dateien.

Grundfrage ist natürlich, ob man im alten Müll noch wühlen sollte oder eher ganz nach vorn schauend Neues machen, bauen, erschaffen, denken, schreiben sollte. Mit dem eigen-alten Kram ist es immer ja nun so: vieles ist scheußlich und schlimm und man ist froh, dass es damals noch kein Social-Web und sowas gab, in dem man diese Grützwurstigkeiten in die Öffentlichkeit gekippt hätte. Jedoch: vieles davon kennt man selbst gar nicht mehr, wegen Suff, Stumpfsinnigkeit oder sonstigen Weltbewältigungsfiltern. Manches von dem Vielen hat Potential, ertappt man sich mit diesen Casting-Heini-Worten darüber denkend. Die vergangene Zeit und die dazwischenliegend verlorenen Hirnzellen lassen das jahrelang (manchmal reichen auch Tage, Wochen, Monate) geruht habende, das Liegengelassene wieder ganz anders, aus sich heraus, klingen und atmen, ganz ohne den miefigen Selbstbezug, als sei das alles einfach von sich aus da und referiere nicht zwangsweise auf den Urheber.

Wird gemeinhin ja nicht empfohlen, jedoch heute im Einkaufsladen gesehen: Bier in höheren Dosen!

Wird gemeinhin ja nicht empfohlen, jedoch heute im Einkaufsladen gesehen: Bier in höheren Dosen!

Besagtes Bier beispielsweise ist genau so ein Weichzeichner, der die Urheberschafft seltsam verwischt und zuweilen weiterbaubare Rauschskizzen entstehen lässt, die nach einiger Gärzeit ein Eigenleben mit andockbaren Streutentakeln entwickeln, die sich, mit nüchterneren Saugnäpfen, dann unter Umständen sinn- und zielgerichteter Weiterdenken & -machen lassen.

Wegen der alljährlichen Wetterwechselkränkelei durfte ich bis heute keinen Alkohol zu mir nehmen. Man weiss sich natürlich zu helfen: ich habe mittlerweile einen alkoholfreien Bierbauch. Und überhaupt, Biernamen in den Preissegmenten, wo wir uns als arme Ritter so rumtreiben: Adelskrone, Schlosspils, Grafenwalder. Was kommt als Nächstes? “Herzoghefe – geadeltes Biervergnügen in der PET-Flasche“.

Heute Abend darf ich wieder Bier. Wahrscheinlich wird mir nach drei Schlücken, die sich durch die trockenen Schwammwaben meines Leibes fluten, furchtbar übel. Wie man ja, jetzt im Alter, sowieso nach ein, zwei Bieren mit glühendem Kopf wie ein betrunken im Wind schwankender Weidenbaum knirschend am Tresen wippt.

A propos Bier und Juvenilität:

„ich bin die krone auf dem bier das du trinkst,
ich bin die flaschen du leer zurück zum supermarkt bringst

ich bin der türknopf an der strassenbahn,
drück mich fest, dann darfst du mit mir fahr’n“

Lofi Deluxe – Auf Reisen (unveröffentlicht)