Vom Bett sieht man, wenn man nicht schlafen kann (mal wieder zu viel gegessen oder: die Mücke), hinter der Brüstung des Balkons, über dem kreideweissen Dach gegenüber, hinter seinem vergabelten Antennenwirrwarr, den satten Nachthimmel. Selten ist er richtig schwarz, ein staubiges Flirren vom restlichen Restlicht oder dem neuerlichen Neulicht des dann schon neuen Tages unterstreicht seine gekrümmte, in allen rabenvogelfederfarbenen Nuancen über die Szenerie gerenderte Räumlichkeit.

Die vielen obenrum hininstallierten Sterne oder eben Sternreste – was hier als Licht ankommt, existiert als Quelle wohlmöglich gar nicht mehr undsoweiter undsofort, solche Sachen haben mich, weil die so fern von dem jugendlichen Fassungsvermögen meines kleinen Verstandes waren, im, mir ansonsten eher zu jungshaft technikaffinen Physikunterricht, immer sehr beeindruckt – die vielen, in den Himmel also HINEINPAILLETTIERTEN Sterne sind wie hochkomplex, einem Prinzip der hellen Betörung entsprechend, zurechtgerechnete Koordinaten, zwischen denen sich, wie durch eine Vielzahl an Vektoren, dieser nah gestrickte Firnis des weltallweiten Spannungsraums dahinter aufspannt. Gute Grafik jedenfalls. Gutes Bild. Guter Empfang.

Die Strandpromenade ist wasserseitig mit dottergelben Doppellaternen leuchtend verziert. Hin und wieder sitzt ein Pärchen auf der Promenadenmauer. Hier und da: alte Herren an dieser kleinen Abend-Avenue, schweigend in einige Biere versunken. Drüben, am wasserwärts führenden Zipfel der Bucht, glimmt das Flackern der nächsten kleinen Küstenstadt. Von Ferne her Musik einer Party.

Nach einer längeren, schwippswegen auch zeitlosen Wanderschaft barfuß am Strand entlang, parallel zu den vom Mond gewässerten Gischtspitzen, lassen wir uns nieder auf den, jetzt nachts mietfrei zu habenden, unbevölkerten Pritschen, strecken liegend die Füße in den Nachtwind und nehmen hin und wieder einen Schluck. Der Strand ruht. Das Meer ufert endlos auf den mondbesalbten Sand. Die Nacht atmet ihren ruhigen Rhythmus. Der sternenbeschriftete Inselhimmel wie ein großes, leuchtendes Segel über unseren Schultern, lakritzschwarz aufgefaltet über der Höhlung der Bucht. Gelegentliches durchs Uferwasser waten, trauten und matten Gedanken nachfüßeln. Gischwärtiger Sand strudelt um die Ferse. Keine Termine. Leicht einen sitzen. COSMIC BALANCE. Retsina auf den Lippen und das gute Gefühl einer längst fälligen Entspannung im Nacken, wie nach einer beiläufigen, kumpelhaft zupackenden Kurzmassage eines lang gekannten Freundes.

Eine Inventur an den inneren Gestaden der ewig so dahindümpelnden Stimmungsdriften und Gemütswirbel ergibt eine unbestimmte, für’s erste immerhin ausreichende Menge von Gelassenheit. Das Meer, in dessen horizontalem Ursprung sich alles zu verlieren scheint – oder kommt erst alles von DORT, wirft irgendwer von dahinten die Welt HIERHIN hin, wie ein feister Gartenwind ein schweres, gut gesteiftes Tischtuch über den Rundschliff einer Tischkante? – der nächtliche Ozean, also: das Meer schlägt als feines Gischtzischeln vor unseren, vom Tag immer noch warmgewanderten, Füßen im Sandsaum auf. Saufen. Frieden. PROST.

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