Hier im kleinen Hotel gibt es einen Gast, den wir heimlich Werner nennen. Wir wissen seinen Namen und seine Herkunft nicht. Er redet nie. Wir finden, der ihm von uns verliehene Behelfsname steht ihm und dem Eindruck eines Alt-68ers, den er auf uns macht, ganz gut. Sein Frühstück besteht aus Kippe, Kaffee (drei gehäufte Löffel Zucker) und dem hier obligatorischen, frisch gepressten Orangensaft. Werner ist eine hagere, asketische Erscheinung. Er trägt ein festes Ripstop-Hemd mit Schulterklappen, bis über die Knie hochgekrempelte Dreivierteljeans und wirres, graues Denkerhaar. Wie eine Echse kurz vor der Häutung, eingesteift in den eigenen, ledrigen Panzer verweilt er jeden morgen unter der Markise der Hotelveranda; geduldig ausharrend, bis sich die lästige Hülle vielleicht von selbst abblättert. Seine Kleidung gibt es, ebenso wie ihn, schon mehrere Saisons. Ein zeitloser Zeitlupenmann. Ein Existentialist gar? Er trinkt seinen Kaffee und raucht seine Morgenzigaretten (rote Stülpschachtel, filterlos) ohne Hast. Ein bestimmtes inneres Signal (Verdauung?) lässt ihn unvermutet los, zurück in sein Hotelzimmer eilen. Ein paar Minuten später führt er seine einsame Frühstückzeromonie fort. Er hat nun schon seinen Rucksack vom Zimmer mitgenommen, steigt ein paar Filterlose später in ein Taxi und lässt sich irgendwohin fahren. Anderntags begegneten wir ihm sogar auf einem Fahrrad. Egal was er macht, er macht es allein.

Abends sieht man ihn, in der gleichen echsenhaften, regungslosen Anmut wie beim Frühstück, in einer der Tavernen im Ort sitzen. Wir überlegen, ob er sich vielleicht genau hier mit dem Taxi morgens hatte hinfahren lassen. Tagesprogramm Tavernen-Tantra. Ob er dort, allein an einem Tisch verharrend, während um ihn herum gesellige, griechenlandklischeetypische Völlereistimmung herrscht, wenigstens mal was isst, weiß ich nicht. Wahrscheinlich ist er ein Stoffwechselwunder. Die alten Hippies haben da ja viel herumgeforscht, mit Körper und Geist; wie man die in Einklang bringt oder eben gerade NICHT, sie beide also zielgerichtet voneinander loskoppelt um mit mindestens einem von beidem höhere Ebenen, neue sinnliche Zonen und andere Zustände des Bewusstseins oder eben gar kein Bewusstsein (andauernd sich selbst bewusst sein nervt ja auch; Selbstbewusstsein sowieso) oder eben stoffwechseltechnische Meisterleistungen maximaler Erfolge mit minimalen Einsätzen zu erreichen. Heute heisst sowas Achtsamkeit, Feng Shui und Festivaldiät und jeder ehemals komplett gefühlsunbegabte Depp testet auch mal bisschen mit sowas rum, wenn es in der FHM oder bei taff eben mal so Thema ist und anscheinend zu so einem urbanen Leben, auch des hinterwäldlerischsten ehemals Dorf- jetzt Neugroßstadttrottels dazugehören muss.

Werner weiß von alldem wahrscheinlich nichts und raucht und kaffeetrinkt sich einfach weiter in irgendwelche, ihm sicher alle längst bekannten und langweilig gewordenen Zustände hinein.

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