Als wäre es nicht schon alles schön genug hier, es gibt auch noch NOCH schönere, jedenfalls als solche von Reiseführern angepriesene und von der touristischen Kleinindustrie entsprechend mit Ausflugsangeboten bediente Spots. Am westlichen Rand Kretas treffen sich drei Meere. Klingt wie der Anfang eines Witzes, hat aber keine Pointe; es ist ganz einfach – ohne Quatsch – wunderschön und malerisch dort. Das Wasser liegt noch blauer und in tiefere Tiefen transparenter und klarer im Sand. Die Bucht wendet sich an einen Berghang und umfließt eine kleine, nicht weniger gebirgige Insel. Eine kleine Karibik.

Besagtes Bergeiland erreicht man nur mit dem Boot. Wer kein eigenes hat, nimmt, wie schlicht ALLE, die dort hinwollen, ein mittelgroßes Fährschiff, das die kleine Insel in Linienfahrt, mit mehreren Decks und als Teil einer Rundfahrt um das nordwestliche Kap von Kreta ansteuert.

Imeri Gramvousa ist eine trockene, unbewohnte Felseninsel. Die hier hingeschifften Bootstouristen schleppen sich in einer Serpentinenkarawane bergauf zu den Resten einer venezianischen Festung. Fast wie in Werner Herzogs Aguirre. Nur eben gar nicht so wie in dem Film und schon gar nicht mit der anmutigen Musik von Popol Vuh. Touristen in bunter Freizeitkleidung ächzen, keuchen, jiepsen, trotten, schleppen und kraxeln sich den steinigen Geröllweg hoch auf das steinige Plateau mit den historischen Festungsfundamenten. Manche bleiben gleich unten am Strand mit dem türkisen Schnorchelwasser und die ganz harten saufen einfach weiter im gastronomischen Bereich des Fährbootes. Die vierte Büchse Bier in den Bauch boxen.

Um Halbzwei geht es weiter, zur Lagune in Sichtweite der kleinen Insel. Auf dem Boot läuft, zu cineastischer Nervdrastik hochorchestrierte, griechische  Folkloremusik. Völliger Dudelwahnsinn. Mandolinenmusik aus Plastik. Zorbas der Zombiegrieche. Vom Klo her wehen Gerüche. Lärm von Kindern und ihren zischelnden Eltern. Das Boot schaukelt im Meer. Irgendwelche Durchsagen schnarren in handelsüblichen Tourisprachen durch die Megaphonboxen. Totale Reizüberflutung. Alles dudelt, wuselt und ameist, als säßen wir in einer Attraktion eines in die Jahre gekommenen Themenparks: dem Rummelnachbau einer Bootsfahrt durch die schönsten Spots am nordwestlichen Kretakap. Auch Mittagessen gibt es. Die tagesreisenden Inselzipfelbesucher löffeln es mechanisch von den Plastetablets und lehnen sich halbnackt und mit roten Nacken in die orangefarbenen, abgesessenen Plastikbänke mit den Schwitzlöchern für Rücken und Untenrum. Die Tellergerichte waren, bevor sie – den logistischen Gegebenheiten eines Linienfährbetriebes entsprechend – zu Convenience-Boatfood umformatiert wurden, wohl mal griechische Speisen.

Nach dem Mittag werden die Passagiere endlich am, der Festungsresteinsel vorgelagerten Traumbadestrand an der pittoresken Lagune rausgelassen. Wie Pinguine watscheln wir aus dem Schiffsbauch. Die einen mit Selfiestangen, die anderen mit Krückstöcken. Endlich verläuft sich der Tross in der Biegung der Bucht und wir finden ein schattenloses, aber stilles Plätzchen, nah am schnorchelbaren Ufer.

Unser Schiff liegt, wie eine geduldige, gigantische Walmutter, für Stunden auf uns wartend, in der kleinen Bucht. Das Hupen des Nebelhorns: die Walmutter ruft ihre Jungen; es geht zurück in den Heimathafen der kleinen, scheinbar nur zum Zwecke des Hafens in die Landschaft installierte Kleinstadt Kissamos. Das Signaldröhnen des Nebelhorns geht unerwartet und unfassbar laut, dabei ebenso majestätisch wie gütig durch das seichte Wetter der Bucht.

Auf dem Rückweg sind alle ganz ermattet, vom schnellerlebten Spektakel des Sonnenglücks in den schönen Gegenden, vom vielen Fressen und Saufen in der Bordgastronomie, von dem vielen Menschsein in der Kolonie der Tagesausflügler. Die Menschen sind eingesalzen, gepökelt vom besonders salzigen Wasser der Lagune. Ihre Köpfe liegen, Salzkristalle im Haar, auf den Tischgarnituren an Deck des röchelnden Schiffs. Unter Deck haben sich alle kreuz und quer hingeschmissen, in dieses zeitlose, von orangeroten Mustergardinen ziemlich verdusterte, aus Pressspan und Kunstleder retrofuturistisch hingemöbelte Sitzgruppenarrangement mit dem klassisch-kargen Salonfeeling eines Jahrzehnte lang im Inneren unangetasteten Linienfährschiffes. Weil auch die kaputtproduzierte Zirtakischlagermusik jetzt nicht mehr hilft, wird die “Happy Hour” mit einem flotten Jingle eingeleitet. “I feel good” singt James Brown. Manche schunkeln mit. Zwei gezapfte Biere gibt es nun zum Preis von einem. Jetzt wird nochmal aufgewacht und die Reisekasse zum Anlass dieser “fröhlichen Stunde” erleichtert. Nach ein, zwei günstig gedoppelten Zapfbieren dann rein in den Hafen, rein in den Bus, zurück in die Ressorts.

Uns, die man hier, in diese ausschließlich polnisch sprechende Reisegesellschaft irgendwie mitreingebucht hat, lässt man in unserer kleinen Urlaubsstadt vorher noch raus. Alles döst im wiegenhaft federnden Überlandbus. Auch die Reiseleiterin, die hinwegs noch so viel erzählte (auf polnisch), von der Insel und wie welche grundlegende Redewendung hier so heisst (mit laut nachsprechen!), schaut jetzt müde aus dem Fenster. Als ginge auch für sie eine dicht erlebnisbepackte Klassenfahrt plötzlich zu Ende.

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