Wir sind ja hier am Meer und alles. Wo ein Meer ist, ist auch ein Strand. Wer an der See wohnt oder sonst einen innerlichen, im Gefühlshaushalt als Sehnsuchtsort verankerten Bezug dazu hat, weiss um die Schönheit der See. Vom Strand her schmeisst die Seele (da steckt die SEE im Wort ja schon drin!) ihren Schaum in den Wind. Verheißung, Fernweh, Reisefieber.

Für fröhlich Trübsal trällernde Minne-Melancholiker wie mich hat Strand, gerade in Verbindung mit erbarmungsarm brennender Sonne, aber auch so seine animalischen Seiten. Strand ist, wo Menschen – auch ich – wie Viecher in der Sonne liegen. Rosafleischige Leiber, halbnackt, felllos, umso tierischer, nebeneinander hingelegt wie in einer riesengroßen Metzgereiauslage. In der Sonne sottende Nacktmulle – aufgebahrt wie fötische, wechselwarme Wesen. Ihre Körper wenden sich. Die Menschen WENDEN ihre Körper AN, aus einer streng funktionalen Idee heraus: um Sonne und ihr glückshormonelles Versprechen zu speichern. Im Urlaub Sonne reinlassen, die zelleigenen Beschaffenheiten ändern, die Oberfläche mit Wärme balsamieren, auf dass vllt. ein wenig davon bis hin in das Herz, diese innere, kleine Blutsschwester der Sonne, gelangt.

Halb benommen taumeln wir, nach Sonnenmilch und Sand riechend, ins Wasser. Die fetten Väter ballern, wie durstige Viecher, erstmal paar Biere. Wie sonderbar formbare Insekten, die gierig an einem Sirup rüsseln. Ihre Eierbäuche hängen prächtig und doch seltsam verletzlich, wie aus einen Schutzpanzer geschält, über die Badeschlüpfer. Ich und mein blasser Misantrophenbauch eiern blendweiss und quarkig, aber NOCH ohne Bier, dazwischen herum: ich bin der blasse Tourist mit dem struppigen Haar, dem qualligen Hüftspeck am ansonsten irgendwie ungenau und dünn gebliebenen Körper, der bunten Badehose und dem komisch verkniffenen Gesicht (Sonnenbrille vergessen).

Einen strohdachgedeckten Sonnenschirm mit zwei Liegen mietet man hier für fünf Euro am Tag – zwei Getränke und ein am Schirmmast fest installierter Holztisch samt Aschenbecher inklusive. Geraucht wird hier insgesamt äußerst viel. Mir selbst ist nach einer Viertelstunde Sonne schon ganz duselig, daher rauche ich selten besonnt und wenn, dann – wie zuhause – nur beim Trinken. Meinem Quarkeierbauch gönne ich, irgendwie altersvernünftig, erst abends Alkohol. Bis dahin schaue ich raus auf das Meer. Das perlweiß der Wellenkämme, die sich ufernah brechen, geht über in ein vom aufgewirbelten Sand angegrautes gesichtspuderblau, das dann türkis, später griechischblau und am Horizont zu einem flimmerumflorten Lidstrich wird, der in den – entgegengesetzt von unten blass zu über uns bläulich satt verlaufenden – Hochsommerhimmel hinübergeht. Dadrin, in diesem folienhaften, wolkenlosen Himmel, wieder die Sonne – als unanschaubarer, gleißender, hitzebrüllender Ball. Unter dem Mietschirm ist es aushaltbar. Meine Arme, die aus diesem Dreiviertelschatten beim Lesen eines Buches manchmal herausragen, sind obenrum edelmatt mandelbraun, sehen von unten aber immer noch aus, wie ein Fisch am Bauch. Aber: der Anfang ist gemacht. Ich bin jetzt eine Wendejacke.

Als eher vergeistigter, seinen Körper als eben halt so mitzunehmende, müßige Pflicht empfindender Mensch, arrangiert man sich nach einiger Zeit mit diesem Sonnenanbetersein. Vieles hier kreuzt sich JA – bei aller expliziten Nachaussenkehr des Plumpkörperlichen, dem an sich ja immer eine Natur des Dummen innewohnt – mit meiner Lebensrealität und meiner, von Harald Juhnke auf den Punkt gebrachten Idee von Glück und Freizeit: “Keine Termine und leicht einen sitzen”! In diesem Sinn: Here comes the sun, dingeling.

kreta-reisetagebuch-004