In der Ausgabe Nr. 5, 2017 des Blitz-Anzeigers erschien ein Interview mit Martin Hiller. Die Redakteurin Cornelia Waldheim befragte ihn zu seinen musikalischen Aktivitäten als Huey Walker und allgemeineren Ideen zur Musik.

Martin Hiller wurde 1982 in Ludwigslust geboren und ist in Berlin aufgewachsen. In Greifswald hat er Germanistik und Philosophie studiert. Sein berufliches Tun ist heute ein regelrechtes Mischbrot: »Vom Callcenter übers Kellnern bis zu freiberuflichem Musikjournalismus habe ich Einiges durch.« Neuerdings versucht er auch als Grafikdesigner die Miete reinzuspielen. 2011 hat er das Label »Rakkoon Recordings« gegründet. Er versteht es als eine Art Klammer um verschiedene Projekte. Als Huey Walker spielt er in kleineren Clubs oder im Rahmen von Kunstausstellungen. Das nächste Mal ist er am 9. Februar in dem Club Madame Claude in Berlin-Kreuzberg zu erleben.

Was bedeutet Ihnen Musik?

So platt das klingen mag: Musik ist für mich immer auch ein Schlüssel in eine andere Welt und zu anderen Zuständen. Musik ist in der Lage, Erinnerungen und Gefühle zu vermitteln, zu speichern und wieder wachzurufen. Jeder hat doch dieses eine Lied, dass er mit irgendetwas verbindet. Früher habe ich vernarrt Musik gehört und gesammelt. Heute habe ich es gern auch mal still und wenn ich Musik höre, dann gern welche, die mit wenigen Mitteln arbeitet und diese in den kompositorischen Strukturen von Zeit und Klangraum anordnet.

Huey Walker ist ein Alter Ego von Ihnen. Gibt es eine Verbindung zur Actionfigur aus dem Film Flashback?

Lustig, dass Sie fragen. Der Name rührt in der Tat von dem von Dennis Hopper gespielten Charakter in diesem Film. Flashback war der erste Spielfilm, den ich damals nach der Wende auf einem Videorekorder aufgenommen hatte. Das war natürlich ein ziemlicher Wahnsinn, dass man plötzlich selbst irgendetwas aufzeichnen und sich wieder angucken konnte. Ausversehen hatte ich das im Long-Play-Modus aufgezeichnet, so dass die Aufnahme ziemlich grieselig und verwaschen war. Gewissermaßen wie meine Musik es heutzutage ja auch sein soll. Mir sind da so biografische und konzeptionelle Verbindungen bei meiner Musik immer wichtig, sowas verankert die Musik auch ein Stück weit in der eigenen Wirklichkeit und man musiziert nicht einfach so in die Luft hinein. Hinzu kommt, dass Dennis Hopper in dem Film einen alten Hippie spielt, was ich als Heranwachsender – irgendwie zu gleichen Teilen zwischen Punk, Grunge und Hippiemusik wankend – natürlich auch ziemlich anziehend fand.

Huey Walker spielt oft improvisierte Musik. Wie kann man sich das vorstellen?

Für gewöhnlich gleicht das einem Versuchsaufbau. Ich lege mir ein paar Grundlagen und Strategien fest und arbeite dann damit. Das kann ein bestimmtes Gitarrentuning sein oder die Idee, nur mit Sinustönen zu arbeiten. Aus diesen Grundlagen entstehen dann live eingespielte Loops (Anm. d. Red.: von Musikern synonym für unverändert wiederholte Sequenzen benutzt), die ich verfremde oder durch vorher festgelegte Automatismen sich selbst verändern lasse. So entsteht oft Unvorhergesehenes, das ich dann wieder im Zaum zu halten versuche. So hat man immer was zu tun und es wird nie langweilig. Alles entsteht dann aus einem Fließen heraus und wird nicht mit Mausklicks am Computer hin- und hergeschoben.

Kann man Huey Walker in eine Schublade stecken?

Sowas überlasse ich gern anderen, aber für gewöhnlich kann man die Musik wohl in so Schubladen wie Ambient, Minimalismus und Dronemusic stecken.

Klänge kann man mit allem Möglichen erzeugen. Welche Gegenstände nutzen Sie?

Neben Gitarren, Synthesizer und Computer nutze ich auch immer wieder so Sachen wie Klangschalen, alte Spielzeuginstrumente, Spieluhren, Windspiele, zerschnittene und neu zusammengeklebte Kassettenbänder und meine eigene Stimme. Ansonsten auch ganz alltägliche Gegenstände wie Suppenschüsseln, Laubblätter und Fahrradspeichen. Alles was Klang macht, kann Krach machen und umgekehrt. Mit einem Geigenbogen gestrichen, wird es dann noch interessanter. Man muss nur mit offenen Ohren in die Welt schauen und mit spielerischen Händen denken.

Und wie viel Huey Walker steckt in Martin Hiller oder was machen Sie, wenn Huey Walker mal »frei« hat?

Eigentlich gibt es da, bis auf den Künstlernamen, kaum Unterschiede. Irgendwie bin ich immer mit Klängen beschäftigt, auch wenn ich keine Musik mache. Neuerdings versuche ich wieder mehr Fernsehen zu schauen, das ist mir aber oft zu krawallig und ich fange an, im Zimmer herumzuräumen oder sowas. Der TV-Apparat dudelt dann als klingendes Rauschen im Hintergrund. Aus so einem scheinbar belanglosen Dudeln entsteht dann oft schon wieder die Idee für eine neue Musik.

Vielen Dank!